• daniamarthaler

Das unerträglich kurze Leben des Mädchens Y

Heute ist der 7. Dezember 2020, vier Uhr dreissig morgens. Geschlafen habe ich nicht.


In wenigen Stunden wird meine vertrauteste Freundin ihre Zwillinge, einen Buben und ein Mädchen, per Kaiserschnitt zur Welt bringen. Und ich werde Gotti von beiden Kindern. In wenigen Stunden wird meine Freundin ihre Babys im Arm halten – das eine, um es Willkommen zu heissen, das andere, um es zu verabschieden. Die unendliche Trostlosigkeit, die meine liebste Freundin erwartet, jetzt dann, gleich, schnürt mir den Hals zu und hindert mich am Schlafen.


Ihre Schwangerschaft war geprägt von unmöglichen Entscheidungen, von Hoffnung, Enttäuschung, Fassungslosigkeit, sicherlich auch von Wut und ganz bestimmt von grosser Liebe ihren ungeborenen Kindern gegenüber. Zu beneiden waren sie und ihr Mann beileibe nicht. Keine Sekunde hätte ich mit ihnen tauschen mögen. Und beide haben mich in ihrer Art, wie sie mit der unerträglichen Situation umgegangen sind, tief beeindruckt. Ich habe mitgefiebert, mitgelitten, mich mitgefreut und mitgetrauert. Dennoch konnte ich nichts tun, um ihre Situation erträglicher zu gestalten. Da mussten sie ganz alleine durch, ein bisschen zusammen und auch jeder für sich. Geschafft haben sie es noch lange nicht.


Der Tod ist in meinem nahen und nächsten Umfeld in den letzten Monaten ein vielgesehener Gast. Grund genug, über ihn, aber vor allem über das Leben nachzudenken.


Jemand, der mir einmal nahestand, hat mir kürzlich geschrieben: «Wenn jemand im Sterben liegt kommen viele Gedanken auf. Dennoch ist es genau dann nicht der richtige Zeitpunkt, um diese Themen aufzuarbeiten.»


Mag sein, dass das stimmt. Kann aber genauso gut sein, dass das eben nicht stimmt. Denn wann könnte man besser übers Leben nachdenken, als wenn es endet? Und enden tut es. Irgendwann.


Ich finde den Gedanken tröstlich, dass die Menschen, die mich kennen, die mir vielleicht nahestehen, oder auch nicht so, bei meinem Sterben über das eigene Sein nachdenken. Vielleicht Bilanz ziehen. Aus meinem Tod für sich einen persönlichen, intimen Nutzen ziehen. Und vielleicht auch über mein Leben nachdenken, über ihren Anteil an ihm und auch umgekehrt.


Sterben gehört zum Leben dazu. Was für eine unerträgliche Plattitüde, wenn man gerade damit beschäftigt ist, einen Menschen aus dem Leben zu begleiten. Und dabei spielt es für den Begleiter oder die Begleiterin überhaupt keine Rolle, ob der sterbende Mensch lange oder nur kurz gelebt hat, ob die Bindung eng oder eher locker war. Das Sterben eines Menschen setzt immer einen Schlusspunkt hinter eine Geschichte. Ungesagtes bleibt ungesagt, nicht Erlebtes kann nicht mehr erlebt werden. Geheimnisse bleiben geheim.


Zu Beginn meiner Erkrankung war mein eigener Tod omnipräsent. Nicht, dass die Erkrankung direkt lebensbedrohend gewesen wäre, nein. Der Leidensdruck, hervorgerufen durch meinen desolaten körperlichen Zustand, war aber so gross, dass mir ein baldiger Tod als süsse Verheissung hochwillkommen gewesen wäre. Ich hatte nicht eine eigentliche Todessehnsucht, denn wäre ich gesundheitlich nur ein bisschen besser aufgestellt gewesen, hätte ich liebend gerne gelebt. Es war vielmehr eine unendliche Müdigkeit und Erschöpfung dem Leben und Leiden gegenüber. Heute weiss ich, dass mein Hirn, meine Psyche, diese - für meine Nächsten und wohl auch für mich selbst äusserst verstörenden – Gedankenspielereien um einen möglichen Suizid, gebraucht hat, um gesund zu bleiben. Auch heute noch wende ich diesen Kniff an, wenn ich die Einschränkungen, Schmerzen und Widerwärtigkeiten meiner Krankheit besonders unerträglich finde. Ich stelle mir vor, wie ich mein Leben beenden könnte, was anschliessend geschehen würde, wenn ich tot wäre. Diese gedankliche Exitstrategie hilft mir, mein Leben, so wie es jetzt ist, stets von neuem anzunehmen und Wert zu schätzen. Und es hilft mir, mental durchzuhalten, wenn ich am liebsten alles hinschmeissen würde, wenn ich mich am liebsten wie ein täubelnder Dreijähriger schreiend, schlagend und um mich tretend, auf den Boden werfen würde. Sieht ja auch nicht so schön aus, wenn man das mit fast vierzig noch macht.


Ich habe aufgeräumt in meinem Leben. Dinge, die mir am Herzen liegen, schiebe ich jetzt nicht mehr auf. Wichtiges, das ich gesagt haben möchte, spreche ich aus. Fehler, die ich begangen habe, versuche ich wieder gut zu machen. Und ich lasse keinen Tag verstreichen, ohne dass ich meinen Liebsten gesagt und gezeigt hätte, wie sehr ich sie liebe.


Kurz, ich versuche mein Leben so zu leben, dass ich jederzeit in Frieden abtreten könnte.


Die Tochter meiner Freundin, mein Gottikind, wird ein Sternenkind werden. Zu kurz auf der Welt, um sie selbst erkunden zu können und doch lange genug hier, um die Welt derer, die das Glück haben, sie und ihre Eltern zu kennen, für immer zum Besseren zu wenden.


Ja, sterben gehört zum Leben dazu. Mittlerweile ist diese Plattitüde für mich viel eher eine wichtige Erkenntnis und deshalb auch tröstend. Es tut weh, von einem Menschen Abschied nehmen zu müssen. Für den sterbenden Menschen aber, wenn er oder sie mit seinem Leben im Reinen abschliessen kann, ist es die letzte Reise. Eine Reise, die sich durchaus geniessen lässt, denn sie ist einmalig.


(Der letzte Satz ist geklaut, ich hoffe, der geniale Beklaute verzeiht es mir. Ich liebe diesen Satz, vielmehr aber noch den unfreiwilligen Spender desselben.)




205 Ansichten1 Kommentar

Aktuelle Beiträge

Alle ansehen

©2019 by daniamarthaler. Proudly created with Wix.com