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Gedanken einer natürlich Geborenen im Jahr 2094

Ich sitze in der U-Bahn, die mich von meinem Wohnort am Zürichsee zum Arbeitsplatz in Bern bringt. Dort bin ich als wissenschaftliche Mitarbeiterin der Forschungsstelle ‘Genetik und Umwelt’ des Bundes beschäftigt. Es ist eine gute, interessante Stelle. Mein Team untersucht seit einiger Zeit in einer Studie die gesellschaftlichen Auswirkungen durch die Optimierung des menschlichen Genoms. Seit April 2033 ist die Veränderung des menschlichen Erbgutes in der Schweiz ohne Auflagen erlaubt. Die Schweiz war europaweit das letzte Land, das die diesbezüglichen Gesetze geändert hat. In den zwanziger Jahren fiel das Gentechnik-Moratorium, anschliessend ging alles rasend schnell. Das erste gentechnisch veränderte Baby kam in der Schweiz bereits 2029 zur Welt. Bei diesem Kind hatten die Wissenschaftler das Immunsystem derart modifiziert, dass das Baby gegen sämtliche Krankheitserreger immun war. Masern, Windpocken, Kinderlähmung und alle weiteren sogenannten Kinderkrankheiten konnten dem Baby nichts mehr anhaben. Nicht einmal eine Grippe bekam es, nicht die kleinste Erkältung. Diese Veränderung war der Durchbruch der Gentechnik, nicht nur in der Schweiz. Weltweit wurden die Gesetze angepasst. Im Jahr 2037 nahm das letzte Land, Paraguay, die politische Hürde zur Legalisierung der Gentechnik am Menschen. Die katholische Mehrheit in Paraguay verhinderte die neue Gesetzgebung bis dahin aus ethischen Überlegungen.


Das ‘immune Kind’, wie das erste Schweizer Gentech-Baby genannt wurde, erregte die Aufmerksamkeit sämtlicher Genforscher. Das Verfahren, das zu dem Erfolg geführt hatte, wurde patentiert und an interessierte Institutionen mit grossem Gewinn verkauft. Die Kommerzialisierung der Erbgutveränderung begann.


Heute, siebenundfünfzig Jahre später, sind weltweit fast sechsundzwanzig Prozent aller Menschen unter fünfunddreissig Jahren gentechnisch modifiziert. Diese Zahl reicht in den finanzkräftigen und technologisch hochentwickelten Ländern, wie beispielsweise Japan oder Südkorea, bis zu achtundachtzig Prozent. Die einstigen Statussymbole wie teure Kleidung und Uhren, schnelle Autos und grosse Häuser wurden abgelöst von einem neuen, noch begehrlicheren Symbol: der gentechnischen Veränderung des Erbgutes künftiger Generationen.

In den Anfängen der Gentechnik am Menschen waren nur einige mutige Visionäre bereit, ihre ungeborenen Kinder für die Erforschung tauglicher Methoden herzugeben. Diese Vorreiter wurden als Spinner belächelt, als Gotteslästerer angefeindet und häufig aus der Gesellschaft ausgeschlossen. Natürlich gab es eine kleine Gruppe von Menschen, die ihr Tun als nobel und wegweisend verehrten. Der grösste Teil der Gesellschaft aber lehnte die neue Technik und die damit verbundenen Menschen ab. Es ist unfassbar, wie schnell sich die öffentliche Meinung nach der Geburt des ‘immunen Kindes’ veränderte. Beweggrund hierfür war die tiefsitzende Angst der Menschen, im Verlauf ihres Lebens an einer invalidisierenden und potenziell tödlichen Krankheit wie Krebs, multipler Sklerose oder myalgischer Enzephalomyelitis zu erkranken. Die durch die Gentechnik mögliche Immunisierung erstreckte sich nämlich keineswegs nur auf gewöhnliche Infektionskrankheiten, sondern ebenso auf sämtliche komplexen Multisystemerkrankungen, bei denen das Immunsystem in irgendeiner Weise beteiligt ist. Die moderne Medizin hatte es bis dato nicht geschafft, die immer zahlreicher vorkommenden Krankheiten einzudämmen, geschweige denn heilen zu können. Der Wunsch der Menschen nach Gesundheit, Sicherheit und Wohlbefinden liess sämtliche Vorsicht und ethischen Überlegungen, die gegen die neuen gentechnischen Methoden sprachen, zum Verschwinden bringen.


Die Kommerzialisierung der Gentechnik am Menschen hat überall auf der Welt zu einer neuen Zweiklassengesellschaft geführt. Es gibt diejenigen, die sich die Technik leisten können und diejenigen, die das nicht können. Und dann gibt es noch einen kleinen Prozentsatz von Revolutionären, die es sich zwar leisten könnten, es aber nicht wollen.


Die U-Bahn von Zürich nach Bern fährt unterirdisch, mit Strom aus erneuerbaren Energien, wie alle anderen Verkehrsmittel auch. Es hat sich nicht nur bezüglich Gentechnik viel getan die letzten Jahrzehnte, sondern auch in allen anderen Belangen. Die fossilen Energien verschwanden mit der Zeit und machten Solarstrom, Wind- und Wasserkraft Platz. Die Verkehrsmittel und Lastentransporte werden fast ausschliesslich mit Strom aus diesen Quellen oder aber mit Wasserstoff betrieben. Die ölfördernden Länder, die den Wechsel nicht früh genug vorhergesehen haben, sind ausnahmslos verarmt und die Machtverhältnisse in der Weltpolitik haben sich entsprechend verändert. Der Klimawandel war trotz entsprechender Bemühungen und Innovationen nicht mehr aufzuhalten. Eine beispiellose Wanderung ganzer Völker setzte ein. Die äquatorialen Gebiete der Erde sind für Menschen zurzeit nicht mehr bewohnbar. Die klimatischen Bedingungen dort fordern zu viele Tote. Die Migration durchmischte die Weltbevölkerung in einem nie bekannten Ausmass und brachte althergebrachte Muster, Privilegien und Machtverhältnisse zum Verschwinden. Lange Zeit versuchten sich die alteingesessenen Bewohner gegen die Zuzüger und vor Allem gegen den Verlust von lange eingeübten gesellschaftlichen Regeln zu wehren. Doch die schiere Masse der Einwanderer machte das Unterfangen schliesslich zunichte. Die neue Gesellschaftsordnung muss sich indes immer noch finden. Inmitten dieser immensen geopolitischen Veränderungen erlangte die gentechnische Modifizierung des Menschen eine nicht vorhersehbare Beachtung. Die finanzkräftigen Gesellschaftsschichten versuchten so für sich und die nachkommenden Generationen einen wirtschaftlichen Vorteil zu etablieren, der es ihnen erlaubt, in der Elite zu verbleiben: die Gesundheit. Die Rechnung hierfür ist denkbar einfach: wer gesund bleibt, bleibt auch leistungsfähig. Leistungsfähige Menschen schwingen in Zeiten des Umbruchs unweigerlich oben aus. Die neue Macht des Einzelnen liegt nicht mehr bloss in einem grossen Geldvorrat begründet. Sie verlangt in erster Linie nach ununterbrochener Arbeitskraft. Die Konkurrenz für eine Arbeitsstelle ist durch die vielen Zuwanderer, die häufig eine ähnlich gute Ausbildung genossen haben wie die Stammbevölkerung, immens gestiegen. Den Zuschlag erhält, wer am meisten leisten kann.


Die U-Bahn befindet sich kurz vor Bern, als ein junger Mann zusteigt. Er ist gut gekleidet und setzt sich in meine Nähe. Er fällt auf. Nicht weil er besonders gross, klein, dick oder dünn wäre. Nein, er fällt auf, weil er hustet. Seine Nase läuft und er sieht krank aus. Die Blicke der Mitpassagiere sind mitleidig, mehrfach auch verächtlich. Dieser junge Mann ist offensichtlich als natürlich gezeugtes Kind zur Welt gekommen. Die teure Kleidung lässt annehmen, dass der Kranke trotz natürlichem Genom im Geschäftsleben erfolgreich ist. Die Vermutung liegt nahe, dass sich der junge Mann mit einer zündenden Idee selbstständig gemacht hat. Eine gutbezahlte Arbeitsstelle hätte er wohl nicht erhalten. Denn, obwohl die Frage nach dem Genom in Vorstellungsgesprächen von Gesetzes wegen verboten ist, wird sie in den allermeisten Fällen gestellt. Die Arbeitgeber haben leider nichts zu befürchten, wenn sie gegen das Gesetz verstossen.


In Bern angekommen, spaziere ich zu meiner Arbeitsstelle und sinniere währenddessen über den jungen Mann und auch über mich nach. Meine Eltern haben sich ganz bewusst gegen eine Optimierung meines Erbgutes entschieden. Sie hätten die Finanzkraft gehabt. Unter anderem aus diesem Grund habe ich vor einigen Jahren wohl den Zuschlag zu meiner Arbeitsstelle erhalten. Ich bin die ‘Quoten-Natürliche’ im Team und damit auch die einzige, die von Zeit zu Zeit krankheitshalber ausfällt. Meine Erfahrungen im Leben als natürlich Geborene sind jedoch für die Erforschung der gesellschaftlichen Auswirkungen durch die Optimierung des menschlichen Genoms essentiell. Ich spüre tagtäglich, wo die Probleme eines nicht modifizierten Menschen liegen. Wird man beispielsweise krank, ist es schwierig an Termine bei einem Haus- oder Spezialarzt und adäquate Medikamente zu kommen. Die Gründe dafür sind leicht zu eruieren. So nehmen die finanziellen Zuwendungen zur Erforschung von Krankheiten im selben Masse ab, wie die Forschenden das Interesse an dieser Arbeit verlieren. Die Sinnhaftigkeit der Erforschung von Krankheiten fällt weg, wenn nur noch ein immer kleiner werdender Teil der Weltbevölkerung darauf angewiesen ist. Zudem lässt sich damit kein Geld mehr verdienen. Im medizinischen Curriculum der ausbildenden Institutionen nehmen die Krankheiten eine immer geringere Stellung ein; sie werden zugunsten von Pränataldiagnostik, Gentechnik, sowie Unfall- und Schönheitschirurgie kleingehalten. Krank werden nur noch die Armen und die können die Forschungskosten in Form von völlig überteuerten Medikamenten nicht berappen. Und natürlich verfügen sie auch nicht über eine Lobby, die ihnen den Zugang zu geeigneten Medikamenten ermöglichen würde. Sicherlich gibt es einige Idealisten unter den Politikern, die grosse Mehrheit interessiert sich aber schlicht nicht für die Versorgungsprobleme im Gesundheitswesen.


Der Solidaritätsgedanke in der Gesellschaft hat merklich abgenommen. Dies ist insbesondere bei den Sozialversicherungen spürbar; natürlich Geborene bezahlen eine deutlich höhere Krankenkassenprämie als Modifizierte, dasselbe gilt für die Invaliditätsversicherung. Nur bei der Alters- und Hinterbliebenenversicherung bezahlen die Natürlichen einen geringfügig kleineren Beitrag, sie werden ja statistisch betrachtet nicht so alt.


Ich habe meine Eltern schon oft danach gefragt, weshalb sie mein Erbgut nicht modifizieren liessen. Als ich noch ein Kind war, antworteten sie stets mit «Weil es nicht gut für dich ist, mein Kind. Für dich nicht und für die Welt ebenso nicht.» Diese Antwort fand ich immer unlogisch und unbefriedigend. Schliesslich war ich eine der wenigen in der Schule, die häufig krank war. Ich verpasste viel und wurde auch gehänselt von den anderen Kindern. Ich musste mich stets anstrengen, um etwas zu erreichen, während den modifizierten Kindern alles in den Schoss zu fallen schien. Das fand ich ungerecht. Als ich erwachsen wurde, veränderten sich die Antworten meiner Eltern. Sie waren nicht gläubig, sie hatten keine Bedenken, dass die Veränderung des Erbgutes Gottes Zorn hervorrufen konnte. Aber sie waren überzeugt, dass der Mensch unfähig sei, die Veränderungen, die die Natur hervorbringen würde, korrekt vorherzusehen. Sie dachten, dass die Anpassung an veränderte Umweltbedingungen nur auf natürlichem Wege gelingen könne und dass Menschen, deren Genom künstlich verändert werde, dieser Anpassungsfähigkeit beraubt würden.


Ich weiss nicht, ob sie damit recht haben. Ich weiss aber, dass mir der Gedanke missfällt, jederzeit schwer erkranken zu können, während die erbgutveränderten Menschen dieser Sorge ledig sind. Ich weiss auch, dass ich mit meinem natürlichen Erbgut zu einer minderwertigen Klasse, der kranken Klasse, gehöre. Und trotzdem wünsche ich mir nicht ein modifiziertes Genom. Die Folgen dieser Veränderung sind nicht absehbar. Auf den ersten und auch auf den zweiten Blick sind die Auswirkungen auf die Modifizierten durchaus positiv zu bewerten. Aber niemand weiss, was in fünfzig, in hundert Jahren ist. Niemand kann vorhersehen, ob das veränderte Erbgut auch für die nächste, die übernächste Generation gut ist. Es ist ein unberechenbares Risiko, das die Menschheit da eingeht. Das Risiko besteht nicht nur auf biologischer, sondern genauso auf gesellschaftlicher Ebene. Verschwindet der Solidaritätsgedanke ganz, so verschwindet über kurz oder lang auch die Menschheit.


Nachtrag: Dieser Text ist im Rahmen eines Essaywettbewerbes für die Zeitung "Der Bund" im Dezember 2019 entstanden. Ich bin damit leider nicht unter die ersten drei Ränge gekommen, die am 21.4.2020 in einer grossen Veranstaltung vergeben werden. Der Text gefällt mir aber gut und ich finde, er hat gerade jetzt, zur 'Corona-Zeit' eine gewisse Relevanz. Aus diesem Grund nehme ich ihn in den Blog auf.



Und noch was Persönliches zum Schluss:


Letzte Woche durfte ich, einmal mehr, die Solidarität und das Mitgefühl einer Freundin erleben. Ich bekam eine SMS, sie mache eben die Einkaufsliste für den Folgetag, ob sie mir aus dem Einkaufszentrum etwas mitbringen könne. Die Geste rührte mich sehr. Ich antwortete: "Uii, das ist aber lieb! Danke vielmals für's Fragen. Ich brauche aber nichts, ausser ein Päckchen 'Du-wirst-jetzt-wieder-gesund-Simsalabim'. Wenn du das irgendwo siehst - unbedingt kaufen!"

Am nächsten Tag klingelte es an der Haustür. Die Freundin stand davor mit diesen herrlichen Tulpen. Sie hätte dieses ominöse Päckchen leider nirgends gesehen, aber stattdessen diese Tulpen.

Ich war sprachlos und musste mich zusammen-

reissen, um nicht in Tränen auszubrechen.


Ich höre, beziehungsweise lese, oft von anderen ME-Patienten, dass sie von den Menschen aus ihrer Umgebung, manchmal sogar von den Allernächsten, mit Unverständnis und Misstrauen behandelt werden. Sie müssen sich Dinge anhören wie: "Jetzt komm' mal in die Gänge!", "Liegst du wieder faul auf dem Sofa rum!?", "Du musst halt auch gesund werden wollen!" und Schlimmeres.

Ich bin sehr, sehr dankbar, dass dieser Kelch an mir vorübergeht! Ich bin dankbar, dass die Menschen mir mit Verständnis, Glauben und Wohlwollen begegnen. Ich musste mich bis anhin niemals rechtfertigen, wenn etwas nicht ging. Ich musste niemals erklären, weshalb ich schon wieder den ganzen Tag auf dem Sofa oder im Bett liege.

Vielen Dank ihr lieben Leute da draussen, die ihr mir helft, meine Krankheit mit Würde zu tragen!


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