• daniamarthaler

Ich werde es nicht zurückbekommen

Ich bin heute achthundertdreiundfünfzig Tage krank. Mein Lieblingsmensch sagt, es dauere insgesamt vier Jahre, dann sei ich wieder gesund. Vier Jahre sind eintausendvierhundertsechzig Tage, plus noch einen Bonustag, 2020 ist schliesslich Schaltjahr. Ich Glückspilz, einen Bonus einsacken kann nicht jeder.


Heute durfte ich bei einer befreundeten Chemielehrerin einer Kantonsschule in meiner Nähe eine Lektion hospitieren, also dabei sein und zuhören. Ich fuhr also da hin, bin vom Auto zum Schulhaus gelaufen, ins Schulzimmer hinein. Kaum stand ich drin, wusste ich, hier bin ich richtig. Ich hatte unglaublich Lust, mich frech vor das Lehrerpult zu stellen, die Schülerinnen und Schüler zu begrüssen und die Lektion mit ihnen zu bestreiten. Es ging um organische Chemie, die Verarbeitung von Erdöl, das Veredeln dieses schwarzen Goldes, nötig, um anschliessend mit dem Endprodukt unsere Ölheizungen und Autos zu betreiben. Trotz des relativ trockenen Themas war die Atmosphäre im Schulzimmer voll von positiver Energie. Die Jugendlichen, alle etwa sechzehn Jahre alt, sprühten vor Lebenslust, Wissbegierde und Unbeschwertheit.


Die Traurigkeit traf mich wie ein Hammerschlag. Mit einem Mal brauchte ich all meine Kraft, um nicht in Tränen auszubrechen. Mitten in der Lektion, vor mir unbekannten Schülerinnen und Schülern. Ich sass in der letzten Reihe und war mir nur allzu bewusst, einmal mehr, was ich alles verloren habe in den letzten achthundertdreiundfünfzig Tagen. Ich haderte. Der Gedanke «Ich will mein Leben wiederhaben!» ratterte in Endlosschleife durch mein Gehirn.


Den restlichen Tag verbrachte ich mit Ablenken. Hatte ich ein paar Minuten zum Denken, überrollte mich die Trauer. Es machte mich uhuere hässig, dass dieses saublöde Universum oder wer auch immer, mich dermassen zu Brei geschlagen hat. Was soll das denn? So habe ich mein Leben nicht bestellt! Ich habe auf dem Vorgeburts-Formular nicht «möchte eine unheilbare, lebensqualität-vernichtende Krankheit haben» angekreuzt! Welcher Vollpfosten hat da die Formulare vertauscht?


Am Abend, die Kinder im Bett und der Lebenskomplize beim Sport, schaue ich mir den Film «Du neben mir» an. Er handelt von einem Mädchen, gerade achtzehn Jahre alt geworden, das noch nie ihr Haus verlassen hat. Sie hat eine schwere Immundefiziterkrankung, Bakterien oder Viren würden ihr sofort den Garaus machen. Im Nachbarhaus zieht ein netter Junge ein, sie verlieben sich und das Mädchen, das zuvor stets folgsam und brav die Anweisungen ihrer Mutter oder ihrer Krankenschwester befolgt hat, tut das Undenkbare: sie brennt mit ihrem Schwarm durch. Sie fahren ans Meer, das sie zuvor noch nie gesehen hat. Es kommt, wie es kommen musste; das Mädchen bricht todkrank zusammen, wird aufgelesen und kommt durch.

In den letzten zwei Jahren habe ich mehr Zeit zu Hause verbracht als zuvor die letzten zwanzig Jahre zusammengerechnet. So schön das Haus auch ist - ich und auch das Mädchen in dem Film leben in einem wunderschönen Haus! - wenn man es nicht oder nur selten verlassen kann, ist es ein Gefängnis. Das Mädchen schrieb im Abschiedsbrief an ihre Mutter, bevor sie durchgebrannt ist: «Ich bin jetzt eine andere. Es genügt nicht zu überleben.»


So isses.


Den ganzen Tag über habe ich gedacht: «Ich will mein Leben zurück!»

Jetzt ist mir klar geworden: Ich werde es nicht zurückbekommen. Mein Leben gibt es nämlich nicht mehr. Es gibt nur noch das Leben dieser Person, die ich nicht mehr bin. Das ist nicht mehr mein Leben, das ich vor dem fünfzehnten September Zweitausendsiebzehn geführt habe. Das ist ein Gespenst, dem ich seit achthundertdreiundfünfzig Tagen nachjage und das mich unendlich traurig macht. Mein Lieblingsmensch sagt, dass ich nach insgesamt vier kranken Jahren wieder gesund bin. Das glaube ich nicht. Das möchte ich nicht glauben. Denn ich möchte diesem Gespenst nicht mehr nachjagen. Ich möchte jetzt leben, jetzt, mit dem, was ich habe. Ich kann mein früheres Leben nicht mehr leben. So wie es war, wird es nie wieder sein.


Ich bin eine andere jetzt. Stärker.


Ich kann für die Dinge, die mein Leben lebenswert machen, kämpfen.

Ich möchte wieder unterrichten und das werde ich.


Und zwischendurch, zwischen dem Kämpfen, werde ich mich ausruhen.


Beim Ausruhen werde ich meine Lieblingsmenschen geniessen und mich an den Sonnenstrahlen erfreuen.


Vor vierzehn Tagen konnte ich das erste Mal seit unzähligen Wochen einen Spaziergang unternehmen.


Danach habe ich mich ausgeruht.


Und zwischendurch werde ich heulen wie ein Schlosshund, weil das Universum ein absoluter Vollpfosten ist und nicht einmal ein paar lumpige Formulare richtig sortiert kriegt.







Malen ist eines der Dinge, die mein Leben lebenswert machen.


Was macht Ihr Leben lebenswert?







PS: Der Film «Du neben mir» hatte ein Happy End: das Mädchen litt nicht unter dieser schrecklichen Krankheit, das hatte die Mutter ihr, und vermutlich auch sich selbst, nur eingeredet. Als das Mädchen ein Baby war, sind ihr Vater und ihr Bruder bei einem Autounfall ums Leben gekommen. Kurz danach wurde das Mädchen sehr krank und wäre fast gestorben. Die Mutter war überzeugt, dass mehr dahinter war als nur eine Infektion. Die Angst, auch noch ihre Tochter zu verlieren, brachte sie dazu, das Mädchen im Haus einzusperren und sämtliche Krankheitserreger von ihr fernzuhalten.



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