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Juhuiiii, Sportferien!

SPORTFERIEN?


Für niemanden gilt der – zugegebenermassen – dumme Spruch ‘Sport ist Mord’ so sehr wie für ME-Kranke. Körperliche Betätigung, und sei es bloss ein bisschen Spazierengehen, führt häufig direkt in einen Crash.


Was also soll ich mit SPORTFERIEN?


In der Schweiz werden die Sportferien traditionellerweise dazu genutzt, um mit Skiern oder Snowboard bewaffnet, die Pisten der Alpen unsicher zu machen. Bis zu jenem Zeitpunkt, als ich krank wurde, waren es meine allerliebsten Ferien. Skifahren, Skitouren, Schnee, Sonne, Après-Ski… - herrlich!


Für unsere Kinder ist das heute noch so. Sie haben sich wahnsinnig darauf gefreut, endlich Ski zu fahren, Schneemänner, Bobbahnen und Schanzen zu bauen.


Vor zwei Wochen haben wir also unseren Kram gepackt und sind in die Berge gefahren. Das Elternhäuschen meines Vaters steht strategisch günstig, direkt neben einem kleinen Skilift. Es ist der weltweit zweitälteste Schlepplift, mit einer Länge von 750 Metern.


In meiner Kindheit habe ich im Winter in dem Häuschen und am Lift nahezu jedes Wochenende und fast jeden Ferientag verbracht. Es war eine wunderschöne Zeit! Abends wurden wir vom Nani lecker bekocht und tagsüber tollten mein Bruder und ich im Schnee hinter dem Haus herum oder wir bretterten wie die Räuber unzählige Male die Skipiste runter. Wir machten Blödsinn am Lift, bis uns der Liftchef heftig in die Schranken wies. Dann fuhren wir, leicht beschämt und kichernd, mit dem Lift hoch und versuchten uns zusammenzureissen. Klappte auch, wenigstens ein paar Minuten lang.


An diesem Ort hängen wahnsinnig viele schöne Erinnerungen und ich fahre immer noch gerne hin. Selbst jetzt, wenn es richtig Sch… ist, nicht mehr wie früher die Piste unsicher machen oder auch bloss mit unseren Jungs einen unbeschwerten, fröhlichen Skitag erleben zu können.


Am Tag nach unserer Ankunft fühlte ich mich ziemlich super und ich traute mir zu, einmal mit den Skiern runterzufahren, mit dem Lift hoch und dann ins Restaurant zu sitzen. Und genau so machte ich es. Nach einer längeren Pause hängte ich noch eine Runde mit den Skiern an und ging anschliessend nach Hause, um mich hinzulegen. Ich war stolz auf mich! Ich fühlte mich immer noch gut, geradezu euphorisch, ich war Skifahren!! Mit meinem Herzmenschen und unseren beiden tollen Jungs! Und ich hatte mich im Griff: ich gab meiner Lust nicht nach, sondern verzog mich vernünftig ins Bett und ruhte mich aus. Bravo, Dania!


Den folgenden Tag verbrachte ich mit Ausruhen, am übernächsten Tag wieder zwei Runden Ski, tags darauf Ausruhen. Am fünften Tag gönnte ich mir zwei Runden Nachtskifahren. Es war Valentinstag, Freitag. Am Samstag kam der Crash. Ich konnte kaum sitzen, geschweigen denn stehen. Ich musste im Bett bleiben. Ich fühlte mich so krank wie schon lange nicht mehr. Jede Bewegung, jeder sensorische Reiz – Geräusche, Licht, Berührungen, Gerüche – waren eine Qual. Sogar das Umdrehen im Bett vermied ich so gut es ging. Abends ging es mir etwas besser, ich konnte mit meiner Familie zu Abend essen, musste mich aber anschliessend wieder hinlegen. Vorhang ziehen, Ohrstöpsel rein, Kissen auf die Augen. Nichts hören, nichts sehen, nicht bewegen.


Der Sonntag war schlimmer.


Am Montag setzte meine Migräne ein. Pünktlich wie ein Schweizer Uhrwerk besucht sie mich zwei Tage nach meiner Periode. Klasse, hat mir grade noch gefehlt. Die Migränemittel halfen etwas, verstärkten aber die ganzen ME-Symptome. Das Bett verliess ich nur noch, um zur Toilette zu gehen.


Den Dienstag verbringe ich wie den Montag, den Mittwoch wie den Dienstag. Tag um Tag verrinnt. Ich bekomme Angst, eine mich bis ins Mark erschütternde Angst, wie ich sie seit Monaten nicht mehr verspürt habe. Was, wenn das so bleibt? Was, wenn ich mich nicht mehr erhole? Was, wenn mein Leben fortan, Tag für Tag, im Bett stattfindet? Tag für Tag für Tag für Tag? Ich bin untröstlich, weine, heule, werde wütend, schlafe völlig erschöpft ein.


Während eines Crashs fliegt mein Tag-Nacht-Rhythmus komplett auseinander. Ich schlafe meist bis kurz vor Mittag, erwache völlig erschöpft und fühle mich, wie wenn ich während des Schlafs mit einer überdimensionalen Fliegenklatsche bearbeitet worden wäre. Schrecklich! Erwache ich früher am Morgen, bin ich völlig unfähig, aufzustehen. Alles schmerzt und weder Arme noch Beine lassen sich ohne enorme Willensanstrengung bewegen. Dann liege ich entweder still da, bis nach einer Stunde, zwei Stunden, die Symptome etwas abklingen, oder ich schlafe wieder ein. Abends kann ich dann dafür nicht einschlafen. Ich bin körperlich und mental völlig erschöpft, liege im Bett und warte, bis sich das Sandmännchen meiner erbarmt und mich ins Land der Träume schickt. Nicht schön, echt nicht.


Am Donnerstag fühle ich mich etwas besser, endlich! Aber auch diesen Tag verbringe ich im Bett, ruhe mich aus. Am Freitag verlasse ich, nach sechs Tagen Bettruhe, das Haus. Es drängt mich, wenigstens kurz einkaufen zu gehen. Dreissig Minuten bin ich weg, dann stelle ich das Auto vor das Häuschen, überlasse das Auspacken meinem Mann und verziehe mich ins Bett.


Tolle Sportferien sind das…!


Samstag: ein Traumtag, warm, sonnig, einfach schön! Meine Mama trägt meine Skier zur Piste, ich fahre so kraftschonend wie irgendmöglich (nein, keine Bögli, nix Schönes, bloss irgendwie!) zum Skilift hinunter, hinauf, dann – ich kann’s nicht lassen – in schönen Kürvchen wedelnd zum Restaurant. Hinsetzen, Skischuhe aus, Beine hoch und erholen.


Als ich die Sonnenterrasse des Restaurants betrete, kommt mir mein Lebenskomplize entgegen, er strahlt über das ganze Gesicht und freut sich ganz offensichtlich, dass ich da bin, dass ich am letzten Tag von unseren Sportferien mit ihm gemeinsam auf dieser Terrasse sitzen kann. Die Freude in seinem Gesicht bringt mich beinahe zum Weinen. Etwas so Selbstverständliches wie gemeinsam auf einer Sonnenterrasse zu sitzen, ist für uns ausserordentlich geworden, ein besonderer Anlass.


Ich hadere oft, wenn es mir so schäbig geht wie diese Woche und ich zum Familienleben – geschweige denn zum Eheleben – nahezu nichts beitragen kann. Aber ich hadere nicht wegen mir. Ich bin nicht traurig, weil ICH gewisse Dinge nicht erleben kann. Ich hadere, weil es meine liebsten Menschen nicht können. Ich hätte mir sowohl für meinen Lieblingsmenschen als auch für unsere Söhne ein anderes, ein aktiveres Leben gewünscht. Ich hätte ihnen ein Leben mit einer gesunden Ehefrau, einer gesunden Mutter gewünscht.


Haben sie sich gelohnt, meine kurzen Ausflüge auf den Skiern?


Das ist die falsche Frage. Genauso gut könnte ich fragen: lohnt es sich zu leben? Leben ist nicht linear, es ist nicht voraussehbar. Ich habe mich belastet, offensichtlich zu stark. Tant pis. Kein Grund, es niemals wieder zu versuchen. Hinfallen ist blöd, aber liegen bleiben keine Option.




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