• daniamarthaler

Vom Aushalten-können und dem grossen Glück


Wie viel kann ein Mensch ertragen? Wann bricht der Körper und wann bricht die Seele?


Dem Erzählen nach hüpft ein Frosch, den man in heisses Wasser wirft, sofort wieder hinaus. Einer, den man in kaltes Wasser setzt und in der Folge das Wasser auf dieselbe Temperatur erwärmt wie beim raushüpfenden Frosch, der bleibt einfach sitzen. Bis er stirbt. Ich habe das natürlich nie selbst ausprobiert, ich kann mir aber gut vorstellen, dass diese Geschichte der Wahrheit entspricht. Und wie ist es mit den Menschen? Dazu hat Imre Kertész in ihrem Werk ‚Roman eines Schicksallosen‘ eine Theorie. Man könnte sie als Methode der kleinen Schritte bezeichnen.


Sie zeichnet das Bild eines fünfzehnjährigen Juden aus Budapest, der im zweiten Weltkrieg in verschiedene Konzentrationslager in Deutschland gebracht wird. Die Zugreise dorthin und zwischen den einzelnen Lagern ist eine Tortur; Durst, zu wenig Platz, grässliche Gerüche. In den Lagern selbst gibt es nur verunreinigtes Trinkwasser, Hunger und die zu verrichtende Schwerstarbeit. Imre Kertész erzählt das Grauen nicht auf einen Schlag, sie unterteilt es in einzelne, winzig kleine Einheiten; das Leben des jungen Juden wird immerzu, in kaum bemerkbaren Schritten schlimmer und schlimmer und er selbst passt sich im Geist stets an die neue Situation an. Als er später, zurück in seiner Heimatstadt, gefragt wird nach den Gräueln, die er erlebt habe, antwortet er: „Gräuel? Da gab es keine Gräuel.“

Während ich las, ärgerte ich mich über die Autorin! Wie kann sie so etwas schreiben? Wo doch die ganze Welt weiss, wie grässlich, menschenverachtend und lebensraubend die Zustände in den Konzentrationslagern waren! Da gab es Gräuel zuhauf!


Ich las widerstrebend weiter und musste kurz darauf den Hut ziehen vor der Genialität der Autorin. Dem Jungen wurde von den Daheimgebliebenen nahegelegt, er müsse die ‚Sache vergessen‘ und ‚mit seinem Leben weitermachen‘. Daraufhin erklärte er, dass er das auf keinen Fall tun könne, schliesslich gehöre diese Zeit zu seinem Leben, das sei für ein Jahr sein Leben gewesen und er habe viel gelernt. Die Menschen, die nicht da gewesen seien, würden die Konzentrationslager als ‚Hölle‘ bezeichnen. Er aber wisse nicht, wie es in der Hölle sei. Er wisse bloss, wie es im Lager gewesen sei. Er habe weitergemacht, immer nur weiter, er habe gelebt. Es habe Hunger gegeben und ja, auch Tote.


Die Genialität der Autorin besteht meines Erachtens darin, dass sie ihren Protagonisten wertfrei durch den Roman wandeln lässt. Er nimmt die Situationen so an, wie sie sich darstellen und er überlegt sich nicht, wie sie zu sein hätten. Das ist seine Methode der kleinen Schritte und Schlüssel dafür, bei geistiger Gesundheit zu bleiben. Was würde es ihm nützen, sich gegen die unwürdigen Zustände aufzulehnen? Sich nicht mit der gegebenen Situation abfinden? Das ganze Grauen auf’s Mal wahrzunehmen? Bei Dingen, die sich nicht ändern lassen, tut man wahrlich gut daran, sie anzunehmen. Alles andere kostet Kraft für nichts.


Begeistert hat mich auch der Titel des Werks: ‚Roman eines Schicksallosen‘. Ich fragte mich, wie es sein kann, dass die Autorin ihren Protagonisten als ‚Menschen ohne Schicksal' zu bezeichnen wagt. Schliesslich muss man wohl zugeben, dass gerade Leute, die völlig ohne eigenes Verschulden in eine solch grauenhafte Situation geraten, schwer vom Schicksal getroffen werden. Der Protagonist des Werks erklärt es aber so: Schicksal bedeute Unfreiheit, also egal, was man auch tue, man könne den Verlauf der Geschichte nicht ändern. In seiner Geschichte ergeben sich für ihn Möglichkeiten zuhauf, den Gang seines Lebens zu verändern. Es gibt immer wieder eine Gelegenheit, sich zu entscheiden. Entschiede er sich bei einer dieser Kreuzungen für rechts statt für links, so wäre der folgende Weg ein anderer. Obschon er auf grausamste Art eingesperrt wird, so hat er doch die Freiheit, Entscheidungen zu treffen. Diese Tatsache gibt ihm wohl die Kraft, alles zu überstehen. Er versteht diese Freiheit nicht als Schuld im Sinn von: hätte er sich anders entschieden, wäre er nicht da, wo er gelandet ist und ergo ist er selbst schuld an seiner Lage. Er erkennt, dass es nicht möglich wäre zu wissen, wohin ihn seine Entscheidungen führen würden und dass er somit auch keine Schuld tragen kann. Ebenso anerkennt er, dass eine alternative Entscheidung genauso gut zu einer sich verschlimmernden Situation führen könnte. Wichtig ist wohl das Gefühl, nicht ohnmächtig und ausgeliefert zu sein.


Und was hat das alles mit mir zu tun? Die Methodik der kleinen Schritte habe ich mir schon ganz zu Beginn meiner Krankheit zu eigen gemacht, für alles andere hatte ich schlicht keine Kraft. Das ganze Ausmass meiner Krankheit, mit allen entsetzlichen Möglichkeiten bis hin zu Bettlägerigkeit und Schlimmerem, ist nicht aushaltbar. Sie muss in kleine, leichter verdauliche Happen aufgeteilt werden.


Vor meiner Krankheit hatte ich stets das Ziel im Blick, habe den ganzen Berg der zu erledigenden Dinge, die zum Ziel führen, vor mir aufgetürmt und mir wie ein guter Kletterer die Route rausgesucht. Heute habe ich kein Ziel mehr; die Genesung erscheint mir so fern, dass ich sie als Ziel nicht gelten lassen kann. Ich lebe im Jetzt, manchmal im Nacher und selten plane ich bis nächste Woche. Tag für Tag passe ich mich an die vorherrschende Situation an und versuche sie anzunehmen. Ich suche die Grenze meiner Leistungsfähigkeit und finde sie auch meist, weil ich sie mal wieder überschritten habe und mit den Folgen umgehen muss. Aber ich werde es bestimmt nicht machen wie der Frosch im immer wärmer werdenden Wasser; sitzenbleiben bis ich sterbe. Ich halte die Augen offen nach Möglichkeiten, die mein Dasein verschönern, verbessern und vereinfachen. Die Kunst ist zu erkennen, welche Dinge unveränderlich und also zu akzeptieren sind, und welche durchaus verändert werden können.


Bis vor kurzem marterte ich mich immer mal wieder mit der Frage, was ich in meinem Leben alles hätte machen andern müssen, um diesen Kelch an mir vorüberziehen zu lassen. Ich fand, wie es wohl jeder finden würde, der ehrlich über die eigene Vergangenheit nachdenkt, einige Dinge, die mich der falschen Entscheidungen schuldig sprachen. Hätte ich das nicht gemacht, wäre jenes nicht passiert, dann wiederum das nicht. Um diesen Gedanken entfliehen zu können, nahm ich wiederum in anderen Momenten an, dass es sich beim Auftreten meiner Krankheit schlicht um Pech handelte, ein Schicksalsschlag also.


Nach der Lektüre von Imre Kertész‘ ‚Roman eines Schicksallosen‘ kann ich mich endlich freisprechen von Schuld. Ich kann mich auch freisprechen von Pech. Ich hatte die Freiheit, meine eigenen Entscheidungen zu treffen und in dem Moment, in dem ich sie traf, und mit dem mir zur Verfügung stehenden Wissen, waren sie auch richtig.

Kertész Protagonist beobachtete bei seiner Verhaftung andere Häftlinge, die die Gunst der Stunde nutzten und das Weite suchten. Er überlegte sich das auch, entschied dann aber, dass sich das nicht gehörte, dass sich das Ganze bestimmt als Missverständnis herausstellen würde, weil er sich ja nichts zu Schulden hatte kommen lassen. Er konnte das Ausbüxen nicht mit seinem moralischen Kompass vereinbaren und blieb. Hätte er gewusst, wohin seine Entscheidung führen würde und dass seine Moralvorstellung so gar nichts mir derjenigen seiner Unterdrücker gemeinsam hat, so hätte er sicherlich anders entschieden.


Ich für meinen Teil kann heute meine Erkrankung annehmen als das, was sie ist; ein Teil meiner Lebensgeschichte. Sie ist nicht mein Leben, sie ist nicht alles. Körperlich geht es mir seit drei Wochen dank einer radikalen Ernährungsumstellung deutlich besser; ich kann wieder genug Schritte tun, um zwischendurch einkaufen zu gehen oder ohne Crash 5 Minuten mit dem standup paddle board auf dem See rumfahren. Mental habe ich endlich meinen Frieden gefunden, meine innere Mitte oder wie man das grosse Glück, das man empfindet, wenn man mit sich und der Welt im Reinen ist, auch immer nennen möchte. Ich geniesse das Zusammensein mit meiner Familie, meinen Freunden und andere Aktivitäten wie zum Beispiel das Kochen oder das Bloggen, in vollen Zügen und gestehe mir aber auch zu, dass ich daneben viel Raum und Zeit brauche für Erholung.


Vor ein paar Tagen konnte ich zu meinem Mann sagen, dass ich, genau in diesem Moment, rundum glücklich bin. Dies wiederum hat mich so mit purem Glück erfüllt, dass ich so etwas fühlen kann, obwohl ich nicht gesund bin, obwohl ich nicht meinen Kindern das Klettern beibringen kann, obwohl ich nicht meinem Herzensberuf nachgehen kann, obwohl ich keine Alpenpässe bezwingen kann mit meinem Mountainbike, obwohl ich nicht mit meinem Herzensmenschen frei entscheiden konnte, dass wir kein drittes Kind bekommen, sondern diese Entscheidung von meiner Krankheit getroffen wurde, obwohl, obwohl, obwohl. Trotz allem, das gegen Glück spricht, bin ich glücklich. Das ist mehr, als mancher gesunde Mensch sagen darf. Danke dafür, liebes Leben!



Mein Schwiegerpapa wird heute 90 Jahre alt! 90 Jahre voller Glück, Trauer, Freude, Wut, Zufriedenheit, Unsicherheit... Ein prall gefülltes Leben!

Denn das ist es, was das Leben ausmacht: Emotionen! Gute und auch schlechte, Gesundheit und auch Krankheit; das sind alles zwei Seiten derselben Medaille. Manchmal glänzt sie mehr, dann wieder weniger.



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