• daniamarthaler

Götter in weiss?


Ärzte sind, zumindest soweit es mir bekannt ist, auch ‚nur‘ Menschen. Doch was bedeutet es, ein Mensch zu sein?

Spontan fallen mir ein paar wenige Aspekte ein, die komplette Liste wäre endlos.

Das Positive zuerst: Menschen sind empathisch, die allermeisten wenigstens. Fast alle haben die Gabe, sich in jemand anderen hineinzuversetzen, an seiner statt zu fühlen, zu denken. Seit ich krank bin höre ich häufig: In deiner Haut möchte ich nicht stecken. Familie, Freunde und Bekannte können sich offenbar in mich hineinversetzen, können sich das Unvorstellbare vorstellen.

Menschen sind lernfähig. Wir lernen aus Fehlern. Fehler sind also etwas Gutes. Im besten Fall werden wir dadurch besser.

Menschen sind soziale Wesen. Als solche ist es ihnen ein Anliegen, andere Individuen derselben Gemeinschaft zu unterstützen und sich gegenseitig zu helfen.

Und jetzt die negativen Aspekte des Menschseins: Menschen sind per se voreingenommen. Sie versuchen neue Erfahrungen, Sichtweisen und Menschen mit dem in Verbindung zu bringen, was sie schon kennen, Sie schubladisieren (siehe auch mein Beitrag Voreilige Schlüsse II oder die Last des Vorurteils).

Menschen verspüren Scham (diese Fähigkeit könnte man genauso gut zu den positiven Aspekten zählen). Ertappt man einen Menschen bei einem Fehler, so schämt er sich. Niemand macht gerne etwas falsch.


Ärzte unterliegen diesen Eigenschaften genauso wie alle anderen. Wenn ich also mit meiner Krankheit, myalgische Enzephalomyelitis, zu einem neuen Arzt komme, dann läuft normalerweise das folgende Programm ab:

- Der Arzt kennt meine Krankheit nicht, versucht sie aber mit etwas in Verbindung zu bringen, was er kennt. Er hört mir zu, versucht sich in meine Lage zu versetzen und schubladisiert mich.

- Er sieht, dass ich leide und möchte mir helfen.

- Er möchte keinen Fehler machen und mein Leiden damit unnötig verlängern.

Das Resultat ist, dass er das macht, was er kann und nicht, was er vielleicht könnte. Er beschreitet die Pfade, die andere schon vor ihm gegangen sind. Dabei entsteht leider nichts Neues und somit auch nichts, das mir helfen könnte.

Die Ärzte, aber auch ihre Patienten, sollten sich bewusst sein, dass wir alle bloss Menschen sind, keine Götter. Auch und besonders Ärzte sollen Fehler machen dürfen. Fehler werden ohnehin gemacht. Würde man sie also nicht abstreiten, könnte man vielleicht was daraus lernen.


Ich erhielt vor etwa fünf Monaten von einem Hormonspezialisten eine körpereigene Vorstufe zu Serotonin, 5-Hydroxytryptophan (5HTP). Bei Serotonin handelt es sich um das 'Glückshormon', auch ist es am Schlaf-Wach-Rythmus des Körpers beteiligt. Er wollte es mir verschreiben, um einerseits meinen Schlaf zu verbessern und andererseits, weil es mir mehr Antrieb verschaffen sollte. Ich war äusserst skeptisch, besonders was den Antrieb betrifft. In meinem Empfinden hatte ich mehr als genug Antrieb, schliesslich brachte mir meine Unternehmungslust mehr als einen Crash ein. Er wollte es mir schon sechs Monate zuvor verschreiben, da siegte aber meine Skepsis über den dringlichen Wunsch, wieder gesund zu werden. Im Oktober war es anders. Ich liess mich überzeugen, oder wohl eher überschwatzen, und nahm das Zeug. Schon nach wenigen Tagen ging es mir mies. Ich war hundemüde und fühlte mich massiv erschöpfter als zuvor. Ich fragte beim Arzt nach. Er meinte, dass das schon eine mögliche Nebenwirkung sei und dass ich das Präparat einfach abends statt morgens einnehmen solle. Das tat ich, noch ein paar weitere Tage. Die Wirkung (oder meinetwegen Nebenwirkung) des 5HTP wurde immer stärker. So setzte ich es in Eigenregie wieder ab. Der Arzt meinte, das sei ein Fehler und ich hätte zu wenig Geduld. Ich begann zu recherchieren (Ärzte mögen das häufig gar nicht!) und fand tatsächlich eine Studie, die sich mit Eingriffen in den Serotoninstoffwechsel bei ME-Patienten befasst hat. Und, siehe da, es hatte bei ALLEN negative Konsequenzen. Der Abwärtstrend meines Zustands liess sich leider trotz dem Absetzen des 5HTP nicht mehr aufhalten. Vier Wochen nach der ersten Einnahme war ich zu schwach um Distanzen zu Fuss zu bewältigen, die über diejenigen im Haus hinausgehen, und war somit für alle Aktivitäten ausserhalb der Wohnung auf einen Rollstuhl angewiesen. Seither habe ich die Fitness, die ich davor hatte, nicht wiedererlangt. Ich benötige meistens Stöcke zum Laufen und nach spätestens 200 Metern ist Schluss.

Der Arzt anerkannte die Studie übrigens nicht, er hielt an seiner Meinung fest, dass das Medikament mir längerfristig meine Gesundheit zurückgegeben hätte. Tja.


Von Göttern darf man Wunder erwarten, von Menschen wohl eher nicht.








Ohne Worte

©2019 by daniamarthaler. Proudly created with Wix.com